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Das Goldene Buch für Guinea-Bissau


2012 startete TARGETs Initiative für ein Ende von Weiblicher Genitalverstümmelung mit dem Goldenen Buch in Guinea-Bissau. Zur initierten Großkonferenz, kamen alle wichtigen Imame des Landes sowie Gelehrte aus Mali, Syrien und der Al Azhar zu Kairo/Ägypten. Die zweitägige Konferenz endete mit der Deklaration von Bissau.

Für die Verteilungskampagne in Guinea-Bissau wurde das Goldene Buch in die Landessprache Portugiesisch übersetzt und mit der erwirkten Deklaration von Bissau sowie dem Konferenzbericht und Fotos erweitert. Seit 2013 sind zwei guinesische TARGET-Aufklärungsteams mit Imamen bis in die letzten Dörfer des Landes unterwegs. So erreicht die Botschaft zum religiösen Verbot von FGM jede Gemeinde im Land.

2017 wurde die Kampagne um eine illustrierte Broschüre erweitert. Mithilfe erzählender Bilder und der Umgangssprache Kreol klären wir zu FGM und dem jetzt geltenden Verbot seitens des Islam auf. Auch die gesundheitlichen Schäden und das Strafgesetz von Guinea-Bissau sind in leicht verständlicher Ausführung ergänzend dargestellt. Die Broschüre wird bei unseren Besuchen an Multiplikatoren wie Dorfälteste, Lehrer, medizinische Posten sowie Frauen- und Jugendgruppen überreicht.

TARGET e. V. arbeitet in administrativer Kooperation mit der guineischen Organisation ACODE.

Weiterführende Informationen zu unserem Projekt in Guinea-Bissau finden Sie in unseren Jahresbriefen, die Sie hier lesen und downloaden können.

Unser Vorgehen


TARGET ist bereits das sechste Jahr in Guinea-Bissau mit zwei Teams im Einsatz, bestehend aus je zwei Imamen, einem Assistenten und einem Fahrer. Um Menschen, denen Wissen fehlt, zu überzeugen, müssen wir uns an ihr Tempo anpassen. Unter verschiedenartig herausfordernden Bedingungen sensibilisieren unsere Imame zum Thema daher im Dialog, mit dem Goldenen Buch und den daraus entwickelten Broschüren sowie mit einem aufklärenden Film. Vieles konnten sie in den bisherigen Kampagnen erreichen, Fronten aufbrechen, Meinungen ändern, die Bedrohung für die Mädchen abwenden und sie damit vor der Verstümmelung schützen, und das alles kraft der Religion. Das ist ihre größte Motivation. Stolz sind sie, dass am Flughafen und an den wichtigsten Verkehrspunkten TARGET-Plakatwände stehen, die das Titelbild unserer Aufklärungsbroschüre zeigen (Jahresbrief 2017).

Auch die regelmäßig einberufenen Treffen mit aufgeschlossenen Imamen sind eine Quelle der Kraft. Der kontinuierliche Austausch festigt den Zusammenhalt. So gehen sie mutig ohne Ankündigung in als widerständig bekannte Orte, um nicht abgewiesen zu werden, denn die kulturelle Gastfreundschaft verpflichtet einen Dorfchef, sie als Gäste zu empfangen und zumindest nach ihrem Ansinnen zu fragen. Bis zum Sommer 2017 haben sie weit über 100 Dörfer in den Regionen Bafatá und Gabún sowie 37 Moscheen in Bissau besucht. Die Imame stellen in diesem ersten Dorfkontakt stets klar, dass sie kommen, um über FGM zu sprechen. Der Dorfchef muss dann entscheiden, ob er unserem Team erlaubt, die Bevölkerung für dieses Thema zu treffen oder nicht.

In den meisten Fällen können die Teams dann mit seiner Hilfe Versammlungen einberufen, im Idealfall drei: die erste mit den Führern und Familienoberhäuptern, die zweite mit den Jugendlichen und die dritte mit den Frauen des Dorfes. Oft erlauben die Dorfführer dem Team jedoch nicht, die Frauen getrennt zu treffen. In diesem Fall gibt es eine Gemeinschaftsveranstaltung. Unser Team bleibt zwei Tage an einem Ort, kommt mit den Gruppen des Dorfes ins Gespräch, verteilt Broschüren und zeigt abends nach Einbruch der Dunkelheit unseren Sensibilisierungsfilm. Eine provisorische Leinwand am Mangobaum, ein kleiner Generator und ein Beamer machen es möglich. Bei Ablehnung versuchen wir immer wieder, die Dorfchefs davon zu überzeugen, zumindest eine kleine Sensibilisierung zu den Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung zu erlauben, was häufig auch gelingt. Hartnäckigkeit zahlt sich aus.

Über das Land Guinea-Bissau


Das kleine Land in Westafrika, in dem wir seit 2012 für ein Ende der genitalen Verstümmelung aktiv sind, ist gerade einmal gut 36.000 km groß und zählt 2017 laut UN knapp 1,9 Millionen Einwohner. Fast jedes zweite Mädchen und jede zweite Frau zwischen 15 und 49 Jahren sind an ihren Genitalien verstümmelt, was hier „Fanadu“ genannt wird. In den östlichen Regionen des Landes ist der Prozentsatz mit 80% am höchsten (MICS 2014). Guinea-Bissau ist eines der ärmsten Länder der Erde. Es existiert keine gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Infrastruktur. Viele Dörfer, gerade in den von Weiblicher Genitalverstümmelung (engl.: Female Genital Mutilation = FGM) betroffenen Regionen, sind schwer zugänglich. Die Menschen leben von den Erträgen ihrer Felder und vom Fischfang.

Sie haben nur wenig Zugang zu Informationen und Bildung, nur jeder Zweite in Guinea-Bissau kann, laut UNICEF, lesen und schreiben; im besten Fall haben die Dörfer eine Grundschule. Ohne Straßen sind viele Dörfer im Inland isoliert, 60 km werden schnell zu einer mehrstündigen Reise. Geröll, Treibsand, Schlamm oder riesige Schlaglöcher müssen durch Sümpfe und oft mit Einbaum-Booten zu den zahlreichen kleinen Inseln. In der Regenzeit sind viele Dörfer nicht erreichbar. Pensionen oder kleine Hotels zum Übernachten existieren nur in den drei größeren Städten des Inlandes. Unsere Fahrten zu den Dorfbesuchen werden so zur logistischen Herausforderung. Die Teams benötigen eine hohe Belastungstoleranz in Bezug auf Verpflegung und Übernachtung, oft müssen sie mit Reis und Moskitonetz in kleinen Hütten oder unter dem Mangobaum auskommen.

Lassen die Schwierigkeiten des auch politisch instabilen Landes die Arbeit TARGETs weitestgehend unberührt, so sind wir in den Dörfern des Landes ganz anderem Gegenwind ausgesetzt. Eine große Herausforderung stellt vor allem der Widerstand dar, auf den unsere Teams stoßen, wenn sie das Tabu der Verstümmelung ansprechen. Den Ängsten und Zweifeln der Menschen können sie im Dialog begegnen, offene Abneigung und verbale Aggression sind da sehr viel schwieriger. Manchmal kommt es dazu, dass die Imame beschimpft und gedemütigt werden oder den Teams sogar körperliche Aggressionen entgegenschlagen. Gegenwind zehrt an den Nerven und bringt Sorge um Leib und Leben, lässt die Imame aber auch mutiger, überzeugter und selbstbewusster werden. Wir sind immer wieder erstaunt und voller Bewunderung, mit welcher Motivation sie die Botschaft gegen Verstümmelung auch in die entlegensten Dörfer tragen.